Retrofit eines Hochregallagers
Mit jeder Faser up to date
Zahlreiche Standorte, vielfältige Produkte, individuelle Kundenwünsche – JRS, J. Rettenmaier & Söhne, hat sich auf die Herstellung funktionaler Pflanzenfasern spezialisiert und verschickt aus Rosenberg Pakete ebenso wie Big Bags. Bei einem Retrofit des Hochregallagers während des laufenden Betriebs verbesserte das Unternehmen seine Lieferfähigkeit und verdoppelte die Lagerkapazität.
Die JRS Unternehmensgruppe beschäftigt mehr als 4.000 Mitarbeitende an über 90 Produktions-, Entwicklungs- und Vertriebsstandorten rund um den Globus. JRS ist Weltmarktführer für Ballaststoff-Konzentrate oder cellulosische Tablettierstoffe. Funktionale JRS-Faseradditive verbessern zum Beispiel die Verarbeitbarkeit von Asphalt, Baumörtel, Spachtelmassen, beeinflussen die Standfestigkeit von Fliesenklebern oder Bruchdehnungsverhalten und Härte bei Elastomeren.
Versorgungssicherheit und Individualität
So vielfältig die Einsatzmöglichkeiten sind, so unterschiedlich sind auch die Anforderungen an die Logistik: Manche Kunden beziehen Fasern als Schüttgut in Big Bags, andere erhalten Spezialprodukte in Paketgröße. „Die Logistik ist ein wesentlicher Teil unserer Positionierung beim Kunden“, erläutert Simon Wagner, Logistikleiter bei JRS. „Dabei sind Versorgungssicherheit und die optimale Bereitstellung der Waren, angepasst an die jeweiligen Produktionskonzepte unserer Auftraggeber, wichtige Faktoren.“ JRS hat am Standort der Konzernzentrale im ostwürttembergischen Rosenberg ein logistisches Drehkreuz aufgebaut. „Hier lagern alle Waren, die unsere Unternehmensgruppe herstellt“, sagt Michael Wettinger, Produktionsleiter Cellulose bei JRS. Den Kern des Logistik-Drehkreuzes bildet ein vollautomatisches Hochregallager, das der Stuttgarter Intralogistik-Experte Viastore 2010 für JRS realisierte. Ergänzt wird es durch Block- und Bodenlager sowie ein Verschieberegal, das der Faser-Spezialist vor allem für Verpackungsmaterialien nutzt. Sämtliche Lagerbereiche managte das Unternehmen zunächst mit dem vorhandenen Lagerverwaltungssystem – es war insbesondere auf manuelle Lager zugeschnitten. Zur Steuerung des Hochregallagers installierte Viastore daher lediglich eine Basis-Version seines Warehouse Management Systems (WMS) Viadat.
Stufenweise Erweiterung
Die wachsenden Geschäfte von JRS erforderten eine Erweiterung der Lagerkapazitäten. „Wir bauten zunächst eine neue Halle für die Bodenlagerung“, erinnert sich Wettinger. 2020 fiel die Entscheidung, auch das Hochregallager mit seinen rund 13.000 Palettenstellplätzen zu vergrößern. „Dazu war angedacht, die vorhandenen Gassen zu verlängern“, sagt Ralph Görlich, Senior Kundenberater Retrofit bei Viastore. „Das bedeutet allerdings, dass sich die Fahrzeiten der Regalbediengeräte entsprechend erhöhen und sich damit der Durchsatz des Hochregallagers etwas verringert.“ Aber die Leistung des Lagers sollte nicht sinken. Viastore ergänzte daher die Anlage um zwei weitere Gassen für Regalbediengeräte – damit lassen sich die längeren Fahrzeiten kompensieren. Außerdem erweiterten die Stuttgarter die vorgelagerte Fördertechnik, um die Leistung der neuen Gassen aufzunehmen. Der Clou: Dabei konnten sie einen Engpass bei den vorhandenen Förderstrecken auflösen.
Modernisierung von Soft- und Hardware
Im Vorfeld der Erweiterungsarbeiten analysierte Viastore die Anlagentechnik, um festzustellen, welche Komponenten ausgedient hatten. So waren zum Beispiel die Bedienterminals vom Hersteller abgekündigt, es gab keinen Support mehr für die Wegmessung und die Schleifleitungen zeigten Verschleißerscheinungen. Zudem wollte JRS noch Funktionen nachrüsten, wie Michael Wettinger erzählt: „Scanner führen jetzt Plausibilitätskontrollen durch, die sicherstellen, dass die korrekte Palette im Fach eingelagert wird.“
JRS brachte nicht nur die Hardware auf Stand, sondern führte auch ein neues Lagerverwaltungssystem ein. „Viadat in der Version 7 kennen wir schon von unserem Hochregallager. Nun wollten wir es in der Version 9 als neues generelles Lagerverwaltungssystem nutzen“, sagt Wettinger. Das WMS Viadat von Viastore ist sowohl für manuelle oder staplerbediente Lager als auch für automatisierte Systeme einsetzbar. Für die Lösung sprach zudem, dass es „die meisten logistischen Prozesse der JRS-Standorte im Standard erfüllt“, wie Christian Wagner, Chief Information Officer bei JRS, erklärt. Das System bietet mehr als 2.500 Logistik-Funktionen, die sich noch erweitern und anpassen lassen.
JRS wollte Viadat nicht nur in der Konzernzentrale in Rosenberg einführen, sondern schrittweise an allen Standorten der Gruppe. Dadurch möchte das Unternehmen die Prozesse in allen Werken vereinheitlichen und den Austausch der Daten vereinfachen. Dabei punktet Viadat mit seiner Mehrlagerfähigkeit, das heißt, eine Installation auf einem Server kann verschiedene Lager verwalten – auch an unterschiedlichen Standorten. Wichtig war für JRS zudem die Möglichkeit, Viadat über standardisierte Schnittstellen an die diversen ERP-Systeme der Produktionsstätten anbinden zu können. Weil nicht überall WLAN verfügbar ist, vernetzten die Fachkräfte die Lagersysteme teilweise über LTE.
Lieferfähigkeit selbst in der Retrofit-Phase
„Das Projekt bei Rettenmaier enthielt tatsächlich alle Facetten, die unser Retrofit-Portfolio bietet“, resümiert Swen Mantel, Direktor Retrofit bei Viastore. „Es umfasste sowohl die Reorganisation als auch die Erweiterung, Verlängerung, Modernisierung und das Software-Upgrade.“ Um den Tagesablauf nicht zu stören, war dabei eine ausgefeilte Strategie vonnöten, denn „die gesamte Zeit musste die Lieferfähigkeit garantiert sein“, wie Logistikleiter Simon Wagner unterstreicht. Viastore hat dazu das Projekt in viele kleine Einzelschritte unterteilt und Umbauarbeiten an der Bestandsanlage auf die Wochenenden gelegt. Um bei den Tätigkeiten an den vorhandenen Hochregalgassen die Leistungsfähigkeit des Lagers zu erhalten, stellte Viastore zunächst die zwei neuen Gassen fertig und nahm sie in Betrieb. In einem Zwei-Wochen-Rhythmus modernisierten und erweiterten die Monteure eine Gasse nach der anderen.
„Bei derartigen Projekten ist das Thema Vorab-Tests ganz wesentlich“, so Mantel. Viastore hat dazu einen eigenen Teststand, in dem die Fachkräfte die Automatisierungstechnik überprüfen, bevor sie die Anlage installieren. Fördertechnische Anlagen testet Viastore über einen digitalen Zwilling des geplanten Systems. „Beim Einbau der Fördertechnik müssen wir dieses virtuelle Modell nur noch mit der Ist-Situation abgleichen – das können wir am Wochenende machen, bevor wir in den Live-Betrieb gehen“, erklärt Mantel. So führte Viastore auch bei JRS alle Arbeiten ohne Auswirkungen auf die Lieferfähigkeit durch.
Nächste Projekte in Planung
Heute verfügt das Hochregallager mit rund 30.000 Palettenplätzen über genug Kapazitäten für weiteres Wachstum. Viadat ist bereits in Werken in Deutschland, den USA und Frankreich installiert. „Alles, was im Projekt gefordert war, ist im Zeitrahmen realisiert worden“, so Simon Wagner. JRS plant schon, weitere Modernisierungsmaßnahmen an der Anlage gemeinsam mit Viastore durchzuführen.











