Mehr Wert für den Handel
28.04.2010
Wer als Logistik-Dienstleister die großen Filialisten mit Ware versorgen will, braucht mehr als einen großen Fuhrpark und moderne Kommissioniertechnik.
Immer häufiger gefragt sind auch zusätzliche wertschöpfende Tätigkeiten wie Verpacken oder Konfektionieren. Die Distributionslogistik ist eine der Kernkompetenzen der großen (Einzel-) Handelsunternehmen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Aldi, Edeka, Lidl & Co. die Sammlung, Lagerung und Kommissionierung der Ware sehr häufig selbst übernehmen und bestenfalls ihre Verteilung in der Fläche an externe Dienstleister delegieren.
Für die Transporteure ist die Zusammenarbeit mit dem Handel aber besonders interessant, weil hier große Mengen zu lagern und zu befördern sind und es – nach dem Motto „Gegessen (oder gekauft) wird immer“ – relativ kontinuierliche Transportmengen gibt.
Zugleich ist aber auch ein hohes Maß an Flexibilität gefragt. Dachser hat für diese Aufgabe ein eigenes Geschäftsfeld „Food Logistic“ aufgebaut, dem ein Netzwerk von 28 Logistikzentren zugeordnet ist. Sie arbeiten in einem engen Zeitraster von Bestellung, Kommissionierung und Tourenplanung. Dabei nutzt man die Synergieeffekte, die das Abdecken der gesamten Prozess- bzw. Transportkette mit sich bringt: Wenn die Lkw morgens die Stützpunkte des Handels beliefert haben, holen sie auf dem Rückweg zu den Food Logistics-Standorten schon Ware von den Herstellern ab.
Palettenbau als Kernkompetenz?
In dieser Lieferkette kann der Logistik- Dienstleister auch Zusatzaufgaben übernehmen. Eine typisches Beispiel ist das Handling von speziellen Verkaufs- und Marketingaktionen. Ein Beispiel: Schenker betreibt in Schweden im Auftrag der Lebensmittelhersteller Kraft und Arvid Nordquist ein „Co-Packing Center“, in dem Mitarbeiter spezielle Display-Paletten konfektionieren. Das ist eine rein manuelle Tätigkeit, die auf den ersten Blick nicht ins Service- Portfolio eines internationalen Logistikunternehmens passt.
Aber der erste Blick täuscht: Das Logistikzentrum ist der beste Platz, um flexibel nach Anforderung des Handels die gewünschten Aktions-Paletten zusammenzubauen. Im Durchschnitt produzieren die Mitarbeiter rund 600 Display-Paletten pro Woche, in Spitzenzeiten können es bis zu 1 500 sein. Der Vorteil für den Kunden besteht darin, dass diese Sonderaufgaben in den täglichen Materialfluss integriert werden und keine Zusatzprozesse aufgebaut und überwacht werden müssen. An anderen Standorten übernimmt Schenker weitere Zusatztätigkeiten wie z.B. das „Finishing“ von Textilien, das kundenspezifische Etikettieren und die Verpackung von Sonderund Aktionsartikeln.
Solche Zusatzaufgaben werden mehr und mehr auch bei globalen Transportketten gefragt sein. So kooperieren TNT Express und Panalpina bei der europaweiten Distribution von Elektronikgeräten wie z.B. Laptops aus chinesischer Produktion. Dabei übernehmen die Mitarbeiter in den Distributionszentren teilweise auch das Beilegen von Betriebsanleitungen in der jeweiligen Landessprache sowie von Ladegeräten und Kabelsätzen, die den nationalen Normen entsprechen.
Diese Dienstleistung will TNT Express ausbauen: Das Unternehmen arbeitet an der Implementierung solcher Break-Bulk-Lösungen der nächsten Generation, die die Bezeichnung „IDE 2.0“ (Integrated Direct Express) tragen. Sven Ehrich, Vertical Market Manager High Tech bei TNT Express in Deutschland: „Unser Ziel ist die Kombination von Break Bulk und Value Added Services.“
Die Flexibilität im Anlagenbau muss nicht nur mit Blick auf die Verpackungseinheiten, sondern auch in Bezug auf die umzuschlagenden Mengen sichergestellt werden – und es gilt zu berücksichtigen, dass man Paletten ebenso schnell und zuverlässig kommissioniert wie Palettenlagen und Einzelgebinde. Wie das erreicht werden kann, zeigt Schenker an einem Standort in Toronto/ Kanda, der Waren von und für Unilever kommissioniert. Um dies bei kleinen und großen Umschlagsmengen effizient zu erledigen, ist die Kommissionertechnik dreistufig aufgebaut.
Die erste Stufe besteht aus einem halbautomatischen Satellitenlager mit einem Fassungsvermögen von zehn Paletten pro Artikel, aus dem Ganzpaletten entnommen werden. Die Kommissionieren von Einzellagen einer Paletten übernimmt ein schienengeführter Stapler mit Greifarmen, und Kleinmengen bei den A- und B-Artikeln werden über einen automatischen „Pick-Tower“ mit Sorter-Anbindung kommissioniert. Alle drei Prozesse laufen gleichzeitig ab, so dass Komplettsendungen sehr schnell bereitgestellt werden können.
Bei diesem Projekt haben sich Unilever und Schenker gemeinsam zur kontinuierlichen Optimierung verpflichtet, um weitere Effizienzsteigerungen zu erzielen. Die Beispiele zeigen: Kontraktlogistik für den Handel ist gefragt, und immer häufiger werden Zusatzleistungen integriert. Für den Logistik-Dienstleister bedeutet der Start einer Zusammenarbeit zunächst hohe Investitionen, weil sehr große Mengen umzuschlagen sind. Das setzt eine dauerhafte Beziehung zwischen Kunde und Auftragnehmer voraus. Nicht nur für die Dienstleister, sondern auch für die Anlagenbauer und Systemanbieter der Förder- und Lagertechnik ergibt sich hier ein interessantes Betätigungsfeld.
Welche Herausforderungen dabei zu meistern sind, zeigt die Anlage, die Hörmann für das Warendistributionszentrum der Duty-Free-Shops am Flughafen Dubai geplant und gebaut hat. 26 000 Artikel sind hier, nach Kategorien geordnet, gelagert. In Spitzenzeiten können pro Stunde 110 Paletten eingelagert und 500 Paletten kommissioniert werden. Diese Geschwindigkeit braucht man auch: Bei einem Jubiläumsverkauf in der Vorweihnachtszeit erzielten die Duty-Free-Shops an einem einzigen Tag einen Umsatz von umgerechnet 20 Mio. US-Dollar.
Ein interessantes Aufgabenfeld für die Anlagenhersteller
Aufgrund der großen Mengen, die in den Distributionsprozessen der Einzelhandelsketten umgeschlagen werden, ist die Lagerung und Kommissionierung, sofern es sich nicht um Sonderaufgaben wie das Bauen von Display-Paletten handelt, ein interessantes Feld für die Automatisierungstechnik. Hier gibt es immer noch Hürden, weil die Packstücke sehr heterogen sind. Inzwischen haben Hersteller wie Dematic, Hörmann und Knapp aber Anlagen entwickelt, die auch diese Aufgaben mannlos lösen, indem sie heterogene Güter zuverlässig greifen und palettieren.
Meine Meinung
Viele Dienstleister sind allein im Segment Handel tätig, und die Zahl der Zusatzleistungen, die sie ihren Kunden in diesem Bereich anbieten, ist nahezu unzählig. Aber auch die Anlagenbauer sind schon auf diesen spezielle Wirtschaftszweig aufmerksam geworden und bedienen die Brache mit speziell zugeschnittenen Lösungen. Diese sehr enge Vernetzung unterschiedlichster Partner hat Erfolg, denn Millionen Endkunden können nicht irren. Ein Erfolgsmodell auch für andere Brachen?
Leo Breu, Chefredakteur Materialfluss
Dachser GmbH & Co. KG, E-Mail: info@dachser.com, www.dachser.com
Panalpina Welttransport GmbH, E-Mail: info.austria@panalpina.com, www.panalpina.com
Schenker Deutschland AG, E-Mail: info@schenker.com, www.schenker.de
TNT Express GmbH, E-Mail: info@tnt.de
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