Höher, schneller, weiter

20.05.2010

Als Alternative zu konventionellen Lagersystemen werden zunehmend Shuttle-Systeme eingesetzt. Der Markt bietet sowohl in ein Regallager integrierte Systeme als auch mobile Shuttles, die von Staplern gehandhabt werden. Materialfluss stellt wichtige Lösungen vor.

Das inzwischen wohl bekannteste Kompaktlager-System ist das Multishuttle von Dematic. Nur drei Jahre nach der Markteinführung lieferte Dematic im vergangenen Jahr das tausendste Multishuttle aus. Erst kürzlich ließ die Zimmer International Logistics GmbH (ZIL) ihr neues Logistikzentrum in Eschbach, südlich von Freiburg, mit diesem System ausstatten.

Die Zimmer Holding mit Hauptsitz in Warsaw, Indiana (USA), ist in Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Implantaten der Wiederherstellungs- und Unfallchirurgie das weltweit führende Orthopädie- Unternehmen. Das Multishuttle-System basiert auf den Komponenten Regal, schienengeführtes Shuttle, Fahrschienen und Steuerung. Die Shuttles werden von einem Lift in die entsprechende Regalebene gehoben. Innerhalb einer Regalebene fährt das Shuttle auf einer Fahrschiene vor den Lagerplatz der auszulagernden Ladeeinheit und zieht diese mit einem teleskopartigen Lastaufnahmemittel heraus.

Die Lastabgabe geschieht analog in umgekehrter Reihenfolge. Anschließend bringt das Shuttle den Behälter zu einem Lift am Ende des Regalgangs, der das Shuttle mit der Ladeeinheit zu den Ein- und Auslagerebenen absenkt und an eine Förderanlage übergibt. Bei Bedarf nimmt das Shuttle von der Einlagerfördertechnik auf der gegenüberliegenden Seite des Liftes eine neue Ladeeinheit zur Einlagerung auf. Nach Übergabe der Ladeeinheiten auf die Fördertechnik werden die Behälter zu den Kommissionierplätzen transportiert. Ein Fördertechnik-Umlauf führt die Behälter nach der Kommissionierung zurück zur Einlagerebene.

Durch die Entkopplung von Einlagerungs-, Auslagerungs- und Transportprozessen Höher, schneller, weiterbietet das Multishuttle gegenüber marktüblichen Systemen erheblich höhere Kommissionier- und Einlagerleistungen. Wegezeiten entfallen nahezu vollständig. Durch die modulare Konzeption und Variation der einzelnen Fahrstreckenlängen lässt sich das Kompaktlager beliebig an vorhandene Baukörper anpassen und flexibel erweitern. Weil die Shuttle-Fahrzeuge außerdem autonom operieren, sind sequenzielle Prozessabläufe möglich. So lassen sich Umschlagleistungen erzielen, die weit über der von konventionellen Automatischen Kleinteilelagern (AKL) liegen.

Ein weiteres Merkmal solcher Systeme ist das geringe Eigengewicht eines Shuttles. Während bei einem AKL das Verhältnis der Gewichte von Transportgerät zur Ladung etwa 20:1 beträgt, kann ein nur 40 kg schweres Shuttle Ladungen bis 80 kg transportieren. Dadurch benötigt ein Shuttle auch erheblich weniger Energie, um seine Masse einschließlich der Ladung zu bewegen.

Skalierbar und dynamisch
Ähnlich aufgebaut ist das Shuttle-System vario.sprinter von psb. Es ist ein skalierbares, dynamisches System für Ein- und Auslagerungen unterschiedlichster Transporthilfsmittel in Fachboden beziehungsweise Längstraversenregalen. In der maximalen Ausstattung ist jeder Regalebene jeweils ein Shuttle zugeordnet. Auch in diesem System können die Shuttles in übereinander liegenden Ebenen arbeiten, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen.

Als Lastaufnahmemittel stehen verschiedene Zieh- und Schiebetechniken zur Verfügung. Durch einfaches Hinzufügen weiterer Shuttles kann die Leistung auch im laufenden Betrieb noch gesteigert werden. Je nach Konfiguration lassen sich mehr als 1 000 Doppelspiele pro Gasse erzielen. Besondere Merkmale sind WLAN- oder Bluetooth-Kommunikation, Embedded Controler mit integrierter selektron SCADA Visualisierung sowie Energieversorgung über einen Superkondensator und ein Energierückspeisemodul. Realisierbar sind Läger bis zu einer Höhe von 20 m und einer Länge von 100 m Die maximale Nutzlast pro Shuttle beträgt 50 kg.

Bis zu 30 m tief
Während die Shuttles von Dematic und psb parallel zu den Regalen arbeiten, fahren die von einem Regalbediengerät (RBG) mitgeführten Satelliten von Westfalia Logistic Solutions bis zu 30 m tief in Regalkänale hinein. So kann mit nur einem Regalgang die rechts und links davon zur Verfügung stehende Fläche optimal genutzt werden.

In einem Palettenlager kommt in der Regel je Gasse ein RBG mit einer Leistung von bis zu 45 Doppelspielen pro Stunde zum Einsatz. Durch den Einsatz mehrerer Geräte pro Gasse sind Umschlagsleistungen Dematicbis 1 000 Paletten pro Stunde und mehr realisierbar. Dabei sind nicht nur normgerechte Ladungsträger transportierbar, sondern mit entsprechenden Lastaufnahmemitteln auch großformatige Waren oder einzelne Lagen ohne Ladungsträger mit Gewichten von 50 kg bis 8 000 kg.

Neben der klassischen Energierückspeisung der Bremsenergie soll die intelligente Materialflusssteuerung Savanna.NET® eine optimale Anlagen- und Prozesssteuerung erzeugen. Die flurfreie Variante Aviator® wiegt nur die Hälfte eines flurgebundenen RBG und spart dadurch Energie.

In sechs bis 24 s aufgeladen
Seit Mitte letzten Jahres bietet auch SSI Schäfer eine „Kanal“-Lösung an. Das Schäfer Orbiter System SOS ist für effiziente Warenbereitstellung bei relativ geringem Automationsgrad konzipiert. Die Shuttles werden mit jeweils vier hochauflösend geregelten Antrieben, Hochleistungskondensatoren und einer integrierten Stromversorgung am Regalsystem in Bewegung gehalten – die sogenannte Powercap-Technologie.

Bei jedem Andock- und Palettenauf- beziehungsweise -abgabezyklus werden die Powercaps der Shuttles in sechs bis 24 Sekunden aufgeladen. Diese Form der Energienutzung ist nicht nur langlebig und umweltfreundlich, sondern erlaubt auch den Einsatz im Tiefkühlbereich. Als Pilotkunde und Kontraktlogistiker setzt die Logistik Group International (LGI) bereits am Standort Hünxe 12 Orbiter ein.

Das von SSI Schäfer installierte Kanallagersystem ist in allen rund 450 Kanälen auf vier Lagerebenen mit Zentrierkonsolen ausgestattet. Über Inkrementalgeber und Lichtsensorik gesteuert, setzen die Shuttles die Paletten punktgenau im Regal ab. Acht Räder sollen komfortable Fahreigenschaften und eine optimale Lastverteilung der bis zu 1 500 Kilogramm schweren Paletten garantieren. Weitere fünf Projekte in Indien, Großbritannien, Zypern und Spanien sind bestätigt.

Mobile Shuttles
Eine ideale Lösung für eine kompakte Lagerung von einheitlichen, palettierten Waren MobileShuttlesbietet auch Toyota Material Handling an. Das System besteht aus einem elektrisch angetriebenen Lastträger, dem BT Radioshutlle, der die palettierten Waren in Regalkanäle eines Regalsystems ein- und ausgelagert. Jedes Shuttle verfügt über Teleskopgabeln und wartungsfreie Batterien, wird über Funk ferngesteuert und kann mit Hilfe eines Gabelstaplers schnell zwischen verschiedenen Regalgängen umgesetzt werden.

Der Vorteil dieses Systems: Während die Radioshuttle-Einheit die Last transportiert, können die Stapler für andere Aufgaben eingesetzt werden. Dabei lassen sich mehrere Shuttles mit nur einer Fernbedienung steuern. Für unterschiedliche Palettengrößen stehen verschiedene Ausführungen zur Verfügung, einschließlich einer Kombi-Version, die zwei verschiedene Palettengrößen aufnehmen kann. Die maximale Kapazität pro Palette beträgt 1 000 oder 1 500 kg.

Das System eignet sich für den Einsatz im „First-in first-out“ (FIFO)- und „First-in-last-out“-Modus (FILO) auch in temperierten Lägern und ermöglicht eine kosteneffektive Nutzung teurer Lagerflächen. Ähnliche Systeme bietet auch der Staplerhersteller Jungheinrich an. Ergänzend zu dem DIS Drive-In-System, das Paletten auf Gabeln aufnimmt und leicht an einen Schubmast-, Gegengewichts- oder Schmalgangstapler andocken kann, wurde auf der LogiMAT 2010 ein neues Unterfahrshuttle vorgestellt, das vor allem für Lagersysteme mit längeren Kanälen konzipiert wurde, die kontinuierlich befüllt und entleert werden müssen.

Meine Meinung
Nun gilt also auch in der Intralogistik die Losung „Individualverkehr vor öffentlichen Verkehr“. Denn durch die Shuttle-Systeme können viele Prozesse noch individueller gelöst werden. Doch die Entwicklungen in diesem Bereich sind noch lange nicht am Ende, bedenke man vor allem Lösungen, die sich schon heute von Shuttle weg und hin zum Fahrerlosen Tranportfahrzeug entwickeln. Man darf also gespannt sein, was die Zukunft bringt.
Leo Breu, Chefredakteur Materialfluss

Höher, schneller, weiter-SpaceDematic GmbH, E-Mail: info@dematic.com, www.dematic.com
Jungheinrich AG, E-Mail: info@jungheinrich.de, www.jungheinrich.de
psb GmbH, E-Mail: info@psb-gmbh.de, www.psb-gmbh.de
SSI Schäfer, E-Mail: info@ssi-schaefer.de, www.ssi-schaefer.de
Toyota Material Handling Deutschland GmbH, E-Mail: info@de.toyota-industries.eu
Westfalia Holding GmbH & Co. KG, www.westfalia-net.com, www.westfaliaeurope.com

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